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Eine Stunde Glück

Zum Weihnachtsfest 2017 möchte ich eine Geschichte mit euch teilen, denn ich denke, sie passt sehr gut zum Geist von Weihnachten. Wie in meinem Artikel „20 Geschenke, die anderen Menschen Freude bereiten“ handelt sie vom wahren Wert des Schenkens. Sie stammt von Joe Lederer (* 12. September 1904 in Wien; † 30. Januar 1987 in München), einer österreichischen Schriftstellerin und Journalistin, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens 1934 nach Shanghai auswanderte, um dem Nazi-Regime zu entkommen. Dort erlebte sie persönlich diese Geschichte und brachte sie schließlich zu Papier.

Eine Stunde Glück

„Ich habe einmal eine Zeitlang in China gelebt. Obwohl es Frühling war in Shanghai, war die Hitze mörderisch. Die Kanäle stanken zum Himmel und immer war der ranzige, üble Geruch von Sojabohnenöl in der Luft. Ich konnte mich nicht eingewöhnen. Neben Wolkenkratzern lagen Lehmhütten, vor denen nackte Kinder im Schmutz spielten. Im Herbst kam der Taifun. Der Regen stand wie eine gläserne Wand vor den Fenstern und ich – ich hatte Heimweh. Heimweh nach Europa. Da war niemand, mit dem ich befreundet war und der sich darum kümmerte, wie mir zumute war. Ich kam mir ganz verloren vor in diesem Meer von fremden gelben Gesichtern.

Und dann kam Weihnachten. Ich wohnte bei Europäern, die chinesische Diener hatten. Der oberste von ihnen war der Koch Ta-Tse-Fu, der große Herr der Küche. Er sprach etwas Deutsch und war der Dolmetscher zwischen mir und dem Zimmer-Kuli, dem Ofen-Kuli, dem Wäsche- und dem Garten-Kuli und was es da eben sonst noch an dienstbaren Geistern gab.

Am Heiligen Abend, als ich wieder einmal verdrossen und verheult in meinem Zimmer saß, überreichte mir Ta-Tse-Fu ein Geschenk. Es war eine chinesische Kupfermünze. In der Mitte hatte sie ein Loch, und viele bunte Wollfäden waren da durchgezogen und zu einem Zopf zusammen geflochten. „Eine sehr alte Münze“, sagte der Koch feierlich. „Die Wollfäden sind von mir und meiner Frau und vom Zimmer-Kuli und seiner Schwester und von den Eltern und Brüdern vom Ofen-Kuli, eben von uns allen. Jeder von uns hat einen Wollfaden dazu gegeben.

Ich bedankte mich sehr. Es war ein merkwürdiges Geschenk und noch viel merkwürdiger, als ich zunächst dachte. Denn als ich die Münze mit dem bunten Wollzopf einem Bekannten zeigte, der seit Jahrzehnten in China lebte, erklärte er mir, was es damit für eine Bewandtnis hatte: Jeder Wollfaden steht für eine Stunde des Glücks!

Ta-Tse-Fu, der Koch, war zu seinen Freunden gegangen und hatte sie gefragt; „Willst du von dem Glück, das dir für dein Leben vorausbestimmt ist, eine Stunde des Glücks abtreten?“ Und der Ofen-Kuli, der Zimmer-Kuli, der Wäsche-Kuli und ihre Verwandten hatten für mich, für die fremde Europäerin, einen Wollfaden gegeben, als Zeichen, dass sie mir von ihrem eigenen Glück eine Stunde des Glücks schenkten.

Welch ein großes Opfer, das sie brachten! Denn wiewohl sie auf eine Stunde ihres Glücks verzichten konnten, wussten sie doch nicht, welche Stunde ihres Lebens es sein würde. Das Schicksal würde entscheiden. Vertrauensvoll – mit offenem Herzen – machten sie mir, einer Fremden, einen Teil ihres Lebens zum Geschenk.

Nun ja, die Chinesen sind anders. Aber ich habe nie wieder ein Geschenk bekommen, das sich mit diesem hätte vergleichen lassen. Von diesem Tag an habe ich mich in China zu Hause gefühlt. Und die Münze mit dem bunten Wollzopf hat mich jahrelang begleitet.

Eines Tages lernte ich jemanden kennen. Er war noch übler dran, als ich damals in Shanghai. Und da habe ich einen Wollfaden genommen, ihn zu den anderen Fäden dazugeknüpft und die ganze Münze an ihn weitergegeben.“

Nach Joe Lederer

Ich wünsche euch allen ein besinnliches und friedliches Weihnachtsfest.

Ralf

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